Traces 1999–2026


Goethe-Institut, Paris

Gruppenausstellung | 10. 9. – 31. 10. 2026

Im Fokus stehen zeitgenössische und interdisziplinäre Positionen, die nicht auf die bloße Darstellung von Wirklichkeit abzielen, sondern deren Entstehung, Wahrnehmung und Deutung befragen. Zwischen konzeptuellen und materiellen Herangehensweisen eröffnet die intergenerationelle Ausstellung einen Raum für Reflexion. Verdichtung, Wahrnehmung, Ambivalenz und die Offenheit unterschiedlicher Lesarten prägen die Begegnung mit den gezeigten Werken.

Die Ausstellung SPUREN verwandelt den großen Saal des Instituts in eine begehbare, vielschichtige Rauminstallation. Die Künstlerin Yvonne Roeb (*1976) — Bildhauerin, Zeichnerin und Videokünstlerin zugleich — verwebt in ihrer Arbeit unterschiedliche Medien zu einem dichten Geflecht aus visuellem Erleben und körperlicher Wahrnehmung. Kern dieser Werkschau ist die Spurensuche: Es geht um die Fährten, die das Leben auf und in unseren Körpern hinterlässt, und um die materiellen Abdrücke, die das menschliche Dasein in der Welt verankert.

Die Selbstdarstellung der Künstlerin Yvonne Roeb als fragmentierter Torso ist Bestandteil der Installation TRACES.
CORPUS, 2023 (vorne) WELTINNENRAUM II, 2022 (hinten) installiert in der Ausstellung

Den visuellen Rahmen der Installation bilden überlebensgroße Digitalcollagen. Sie ragen an der Wand empor und drängen als freistehende Elemente direkt in den Raum hinein. Durch diese monumentale Skalierung bricht die Künstlerin die vertrauten Sehgewohnheiten auf. Der Betrachter bewegt sich nicht mehr nur vor den Werken, sondern in ihnen. Die Dimensionen verschieben sich, das Fragmentierte wird überdimensional, das Intime wird unübersehbar. Im Zentrum dieses Environments stehen die Skulpturen und Assemblagen, die von einer außergewöhnlichen materiellen Freiheit zeugen. Die Künstlerin schöpft aus einem immensen Repertoire an Werkstoffen, die jeweils eigene Verfahrenstechniken verlangen. Terrakotta und klassische Bronze treffen auf fragile Gipsarbeiten und kühles Metall. Organische Materialien wie Leder und tierische Haare verbinden sich mit feinen Perlen, schweren Textilien und synthetischen, technischen Kunststoffen. Sogar ein Paravent wird zum bildhauerischen Akteur. Jedes dieser Materialien bringt seine eigene Geschichte, seine eigene Haptik und Symbolik mit. Die meisterhafte Verfahrens- und Materialkenntnis der Künstlerin zeigt sich darin, wie diese scheinbaren Gegensätze — das Natürliche und das Künstliche, das Beständige und das Vergängliche — in den Assemblagen miteinander verschmelzen. Jede Oberfläche verweist auf einen handwerklichen Prozess, auf eine Spur der Bearbeitung.

Der konzeptionelle Wendepunkt im Schaffen der Künstlerin wurzelt im Besuch des Musée des Moulages im Hôpital Saint-Louis, als einschneidendes Erlebnis. Die existenzielle Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit führte zu einer radikalen visuellen Neuausrichtung. Die Künstlerin begann, den menschlichen Körper konsequent in Fragmente zu zerlegen. Der Blick richtet sich seitdem auf das Detail, auf das Isolierte, auf die verletzliche Schnittstelle zwischen Innen und Außen. In der Ausstellung begegnen uns diese Körperfragmente in vielfältiger Form: Hände, Schultern, Füße, Drüsenformen, die an die weibliche Brust erinnern und vereinzelt ein reduzierter, ganzer Torso. Es ist jedoch keine anatomische Lehrschau, sondern eine emotionale und physische Bestandsaufnahme. Besonders eindringlich sind jene Passagen, in denen Finger skulptural oder zeichnerisch dar gestellt werden, die menschliches Gewebe begreifen. Dieses visuelle Motiv dient dazu, die Fleischlichkeit des Körpers radikal zu verdeutlichen. Es geht um das Erkunden von Details und das Offenlegen von Strukturen, die sonst unter der Haut verborgen bleiben. Das Ein-, An- und Zugreifen lenkt den Fokus auf die Dehnbarkeit, die Weichheit, aber auch auf die Verletzlichkeit unseres Seins. Spuren ist somit weit mehr als ein Titel; es ist das verbindende Prinzip dieser Raum installation. Spuren des Werkzeugs im Gips, Spuren der digitalen Schichtung in den Collagen, Spuren des Traumas im Gedächtnis des Körpers. Die Künstlerin lädt uns ein, uns der eigenen Körperlichkeit
neu bewusst zu werden. Die Fragmente, die sie uns zeigt, fügen sich im Auge des Betrachters nicht zu einem glatten Ganzen zusammen, sondern bleiben als kraftvolle, autonome Zeichen im Raum stehen. Sie zeugen von Schmerz, von Heilung, von Transformation und vor allem von einer unbändigen kreativen Kraft, die das Fleischliche in bleibende Kunst übersetzt.

Roeb lebt in Berlin und Paris. Ihre Arbeiten befinden sich in öffentlichen Sammlungen, wie die der Bundesrepublik Deutschland, dem Lehmbruck Museum oder dem Nationalmuseum (Four Domes Pavilion) in Breslau. Sie ist an internationalen Ausstellungen quer durch Europa und den Vereinigten Staaten beteiligt.

Ausgestellt

Kuratorenschaft

Clemens Wildt

Eröffnung

10. September 2026, 19 h

Begleitprogramm

PERFORMANCE
Crash Test #5: Theater
von Paula Rosolen
10. September 2026, 19 h

FILM
aus 1999/2000
von Helga Fanderl

KÜNSTLERINNENGESPRÄCH



mit Paula Rosolen, Yvonne Roeb und Helga Fanderl
Samstag, 12. 9. 2026, 11–12 h

BOOK LAUNCH
Yvonne Roeb \ Correlatio
23. 10. 2026, 19 h

Adresse

Goethe-Institut Frankreich
17, avenue d’Iéna
75116 Paris
Frankreich

info-paris@goethe.de
https://www.goethe.de/

Öffnungszeiten

Montag – Freitag, 9–21 h
Samstag, 10–17 h

Literatur (2)

Matthieu Jacquet: Traces 1999-2026, Paris [Goethe-Institut] 2026.

o. V.: Traces / Spuren, Essen [Funke Mediengruppe] 2026.
Ausstellungsliste