Text: HEINER WERTINGER
Wer Strange Fruit hört, dem schlägt unvermeintlich das historische Trauma der amerikanischen Südstaaten entgegen, bitter besungen von Billie Holiday. Die deutsche-französische Bildhauerin Yvonne Roeb wählt diesen Titel jedoch nicht als illustrative Anklage, sondern als einen alchemistischen Resonanzraum. Ihre gleichnamige, fortlaufende Werkgruppe ist eine Einladung in das Dazwischen: eine morphologische Tiefenbohrung, in der die vermeintlichen Gewissheiten von Natur und Kultur, von Pflanze, Tier und Mensch in einer oszillierenden Symbiose kollabieren. Roebs Arbeiten fragen nicht nach der politischen Historie, sondern nach der existenziellen Natur des Kreatürlichen.
Den Einstieg in diese ästhetische Verunsicherung markiert das Spiel mit der Augentäuschung. In STRANGE FRUIT IV (2021) begegnen wir einem Hybridwesen aus Kunststoff, Gips und Tinte, das die Kategorien des Lebendigen suspendiert. Es evoziert die rohe Struktur einer botanischen Knolle, die im selben Moment in ein verknöchertes, anatomisches Fragment umschlägt. Hier triumphiert das Unheimliche im Freud’schen Sinne: Das organisch Vertraute wird durch seine künstliche Genese so präzise verfremdet, dass sich dem Betrachter die Präsenz einer namenlosen Kreatur aufdrängt, die sich jeder vorschnellen Taxonomie entzieht.
Diese fleischliche Landschaft verdichtet sich phänomenologisch in STRANGE FRUIT V (2021). Das aus Kunststoff, Modelliermasse und Pigmenten gewachsene Objekt simuliert die Haptik eines viszeralen Gewebes, das im Raum zu atmen scheint. In ihrer Präsentation – etwa im Kontext des renommierten Rohkunstbaus – machen diese Skulpturen den Körper als genuine Landschaft erfahrbar. Es ist eine plastische Übersetzung von Paul Valérys berühmtem Diktum, dass das Tiefste im Menschen die Haut sei. Die Oberfläche agiert hier als sensible Membran, auf der sich die Verwundbarkeit der menschlichen Existenz unter dem Deckmantel des Vegetativen spiegelt.
In den jüngeren Fortschreibungen des Zyklus radikalisiert Roeb diese materiellen Verschiebungen und verwebt sie subtil mit feministischen und psychoanalytischen Diskursen. STRANGE FRUIT XII (2023) bricht die rein synthetische Ästhetik auf und konfrontiert raues Leder mit kühler Keramik. Das Tierische bricht durch die genuine Tierhaut physisch in das Werk ein, während die Keramik eine ossäre Festigkeit beisteuert. Das Resultat ist von einer traumatischen Intimität: Ein skulpturaler Fetisch, der gleichermaßen an deformierte Torsi wie an abstrahierte Genitalien gemahnt – der pflanzliche Ursprung weicht einer psychologischen Aufladung.
Die endgültige, reife Synthese vollzieht sich schließlich in STRANGE FRUIT XIV (2025). Gefügt aus Keramik, Leder und Garn, erinnert das Objekt an ein rituell verschnürtes oder chirurgisch gebundenes Organ. Das Garn fungiert als ordnende und zugleich verletzende Nahtstelle, die das Fleischliche domestiziert. Weder Flora noch Fauna behalten hier die Oberhand; es obsiegt die anthropomorphe Dimension. Das Beseelte, der Animismus des Objekts, wird vollständig spürbar. Am Ende blicken wir in diesen mutierten Früchten nicht auf die Natur, sondern in den unheimlichen, faszinierenden Spiegel unseres eigenen, verletzlichen Seins.
Die Werkgruppe besteht aus 15 Werken.






