PIRMASENS – 17. 8. 2018
Pirmasens steht ein kulturell spannendes Wochenende bevor. Nach dem 24-Stunden-Marathon der Industriekultur kommt als Sahnehäubchen am Sonntag, 14 Uhr, die Eröffnung der Ausstellung Es dauert, es ist riskant, es bleibt womöglich für immer mit Arbeiten von Stipendiaten des Landes, die in der Alten Post die spannende Bandbreite aktueller junger Kunst aus Rheinland-Pfalz, Frankreich, Österreich, Australien, Südkorea oder dem Kongo zeigen.
Für Kulturamtsleiter Rolf Schlicher ist der Titel der Ausstellung unmöglich. Die aus Leipzig kommende Kuratorin der Ausstellung, Olga Vostretsova, brachte es mit dem Titel aber genau auf den Punkt. Der Schwerpunkt der Ausstellung ist Keramik und die braucht eben viel Zeit, hat ihr Risiko und kann Jahrtausende überdauern. Der Ofen hat hier immer das letzte Wort, meinte Vostretsova. Keramik kann weit mehr als Tassen und Vasen hervorbringen und eignet sich vortrefflich als Ausdrucksmittel für die moderne Kunst. Das zeigt die Ausstellung der 15 Künstler eindrucksvoll. Wobei nur ein Teil mit Keramik gearbeitet hat. Aber gerade diese Arbeiten sind die spannendsten. Absolut hervorstechend ist die Installation der aus der Nähe von Nancy kommenden Emma Perrochon, die Flamingo-Eier in extrem aufwendiger Arbeit aus Glas und Keramik hergestellt hat. Die lebensgroßen Flamingos wurden mit zwischen den Flügeln verstecktem Kopf teils in Keramik, teils in Glas gefertigt und in Eier aus transparentem Glas gesteckt. Ihre Serie bezeichnet Emma Perrochon dann auch als Oologie, also die Vogeleierkunde und will die Flamingos nicht allein als das sehen, was sie sind, sondern auch stellvertretend für den Phönix, der aus der Asche wieder auferstehen kann, aber auch nur ein Ei zurücklassen könnte. Spannend wird auch die Installation des aus der Demokratischen Republik Kongo kommenden Lambert Mousseka. Rund 100 Figuren aus Ton mit übergroßen Füßen sowie Gebäude und zwei Riesen aus Keramik wird Mousseka zu einer Art Dorf aufbauen, das sich gegen den Landraub des Großkapitals stemmen will.

Einen Ausflug in die Mythologie bietet Yvonne Roeb aus Berlin mit dutzenden Brüsten, die in Keramik modelliert an den Wänden hängen und von Schlangen umgarnt werden. Die Schlange als Symbol für Gefahr und Heilung gleichermaßen trifft hier auf Brüste, die für Verführung und Leben stehen, erläutert Kuratorin Olga Vostretsova die Intention der Künstlerin. Ein wahrer Meister der keramischen Kunst ist als Gast mit zu der Ausstellung gekommen. Der aus der Keramikstadt Höhr-Grenzhausen stammende Markus Karstieß ist dort Professor am Institut für künstlerische Keramik. Von ihm sind zwei Säulen zu sehen, die ebenfalls mit der Mythologie spielen, durch ihre Größe überraschen und aus einer Serie von Fetischen stammen. Auffällig inszeniert hat die Australierin Emily Hunt ihre Sonnenbrillen aus Keramik, die wohl kaum zum echten Tragen gedacht sind, und mehr den Gedanken einer Sonnenbrille sowie deren Designmöglichkeiten weiterspinnen. Die Serie hat Hunt, die eine Leidenschaft für die Kunst des Mittelalters hat, mit Zeichnungen aus der Renaissance und dem Hochmittelalter in einen Kontext von Gegenwart und Vergangenheit gestellt. Mit einer ganz besonderen Akribie hat der Österreicher Daniel Wetzelberger kaputte Kacheln aus einem Schuttberg mit historischen Fliesen untersucht. Die Bruchkante hat der Künstler als Muster für die den Rahmen aus Keramik genommen. Die Riffelung der Bruchkante findet sich exakt so auf dem Rahmen wieder, wobei der Künstler dies wegen der Schrumpfung von Keramik genau berechnen musste. Eine Arbeit, die weit über das zu sehende hinaus weist. Das Ziel hatte auch die Mainzerin Claudia Schmitz, die mit einem Landesstipendium nach Korea reisen durfte. Dort filmte Schmitz die innerkoreanische Grenze, die nun als Endlosfilm auf die Wand der Alten Post flimmert. Immer gestört durch zwei Berge aus koreanischem Papier, die davor im Ventilatorstrom an Schnüren pendeln. Der Ventilator soll dafür sorgen, dass die zwei sich mal bewegen, Schmitz hat noch eine politische Aussage mit in das Werk gepackt.
Vernissage am Sonntag, 14 Uhr, Forum Alte Post. In die Ausstellung führt die Kuratorin Olga Vostretsova. Anschließend ist bis 28. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt sechs Euro. Ein Katalog liegt vor.