Acéphalus


Acrylharz.
43 × 24,5 × 18 cm 

Der Titel ACÉPHALUS nimmt Bezug auf Georges Batailles Zeitschrift und den gleichnamigen Geheimbund Acéphale, die zwischen 1936 und 1939 existierten. Das griechische Wort bedeutet „kopflos“ und bezeichnet bei Bataille eine Figur jenseits rationaler Ordnung: einen Körper, der sich der Herrschaft des Verstandes, der eindeutigen Identität und der gesellschaftlichen Norm entzieht. An die Stelle des Kopfes treten Körperlichkeit, Instinkt, Mythos und eine Erfahrung des Unbewussten.

In Yvonne Roebs Skulptur wird dieses Motiv auf eigentümliche Weise variiert. Zwei spiegelbildlich angeordnete Vögel sitzen auf dem Fragment eines Baumes; ihre Köpfe sind bis zum Hals ineinandergesteckt und bilden eine gemeinsame, verschränkte Form. Die Figuren erscheinen dadurch nicht einfach kopflos, sondern ihrer individuellen Orientierung enthoben. Aus zwei Körpern entsteht eine symbiotische Einheit, in der sich die Grenze zwischen Eigenem und Anderem, zwischen Tier und Objekt, auflöst.

Ein weiterer Bezug ergibt sich zur Januskopf-Ikonografie. Der römische Gott Janus verkörpert mit seinen zwei miteinander verbundenen Gesichtern entgegengesetzte Blickrichtungen, Übergänge und die Gleichzeitigkeit verschiedener Perspektiven. In Roebs zeitnah entstandener Skulptur FEMALE scheint dieses Motiv in abgewandelter Form wiederzukehren. Während der Januskopf zwei Gesichter miteinander verbindet, verschränkt ACÉPHALUS zwei Tierkörper zu einer gemeinsamen, kopfähnlichen Gestalt. So werden Fragen nach Identität, Spiegelung und Beziehung nicht über einzelne Köpfe, sondern über körperliche Verbindung verhandelt.

Der Baumstumpf fungiert dabei als reduzierte Lebensgrundlage und zugleich als skulpturales Fragment. Auf ihm erscheint die Vogelgestalt wie ein rätselhaftes Artefakt zwischen Naturform, Mischwesen und totemischer Figur. ACÉPHALUS entwirft somit eine Welt jenseits klarer Hierarchien: Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, der Kopf nicht länger Zentrum der Identität, und das Individuum entsteht erst in der Verbindung mit einem anderen Körper.

Material

Acrylharz

Abmessung

43 × 24,5 × 18 cm 

Verbleib

Besitz der Künstlerin, Ausleihe anfragen

Atelier

angefertigt in Berlin-Kreuzberg, Atelier

Ausstellungen (4)
2012Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt, Yvonne Roeb / New Works.
 Haus am Kleistpark, Berlin, Konstellationen.
2015Lehmbruck Museum, Duisburg, Yvonne Roeb / Divine Beast.
2019Schloss Esterházy, Eisenstadt, Labor — Bestiarium — Wunderkammer.
Literatur (5)

Söke Dinkla (Hrsg.), Michael Krajewski: Yvonne Roeb. Divine Beast. Monografie, Köln [Verlag der Buchhandlung Walther König] 2015.
Leseempfehlung

Christiane Fricke (Text): Im Ästhetischen liegt der Schrecken, Düsseldorf [Handelsblatt] 2012. Erschienen in Handelsblatt, 22.03.2012
Zeitungsartikel

Sandra Danicke (Text): Die unterbrochene Metamorphose. Wenn Erwartungen ins Leere laufen: Yvonne Roebs Objekte, Frankfurt [Frankfurter Rundschau] 2012. Erschienen im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, 10.04.2012, 68. Jahrgang, Nr. 84
Zeitungsartikel

Christoph Schütte: Märchen, Mythen und Schicksalsvögel, Frankfurt [FAZ] 2012. Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, S. 35
Zeitungsartikel

Barbara Esch Marowski: Konstellationen. Ausstellung zum 10. Tempelhof-Schöneberger Kunstpreis, Berlin [Haus am Kleistpark] 2012.
Pressemitteilung

Credits

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