2012. Die unterbrochene Metamorphose


Frankfurter Rundschau, FEUILLETON, 10.04.2012, 68. Jahrgang, Nr. 84

Die unterbrochene Metamorphose

Wenn Erwartungen ins Leere laufen: Yvonne Roebs Objekte

Von SANDRA DANICKE

Die Form ist vertraut. Erwartungsvoll klappt man die Holztafeln auf, doch dann ist da – nichts.

Man blättert hin und wieder zurück, betrachtet sämtliche Vorder- und Rückseiten, doch das RETABLE bleibt leer. Nicht nur die Seitenflügel, auch das zentrale Altarblatt, jener Ort also, an dem sich normalerweise das Hauptgemälde befindet, ist ohne Motiv. Das zumindest glaubt man eine Weile, bis die Enttäuschung einer faszinierenden Entdeckung weicht: Denn Yvonne Roebs RETABLE ist bei genauer Betrachtung mit
feinsten Linien bedeckt. Zarte Risse, die die Oberfläche überziehen, als handele es sich um die Haut exotischer Echsen. Das Gehirn hat gelernt, sie als Motiv zu ignorieren, man nimmt sie allenfalls als Hinweis auf einen bestimmten Alterungszustand wahr. Sähen wir die gleichen Linien doch auf Papier, wir hielten sie für delikate Zeichnungen.

Die Künstlerin, die derzeit in der Frankfurter Galerie Wilma Tolksdorf ausstellt, hat ein Krakelee hergestellt, wie man es normalerweise von alten Gemälden kennt. Das engmaschige Netz feiner Sprünge suggeriert, dass es sich keinesfalls um einen Zustand vor, sondern nach der Fertigstellung handelt. Als seien die Bilder dahinter auf geheimnisvolle Weise verschwunden.

Yvonne Roeb lässt mit ihren Objekten und Skulpturen die Erwartungen gern ins Leere laufen. Etwa, wenn wir um einen wuschelig behaarten Gipskopf (CAPSULE, 2011) herumlaufen und nach der Vorderseite suchen – es gibt sie nicht. Ein vergleichbarer Moment des Schreckens stellt sich ein, wenn man zwei Papageien (ACEPHALUS, 2011) betrachtet, die an jener Stelle zusammengewachsen sind, an der sich ihre Gesichter befinden müssten – wenn da welche wären.

Sämtliche Werke der 1976 in Frankfurt geborenen Bildhauerin, die mittlerweile in Berlin lebt, wirken wie surrealen Alpträumen entsprungen. Da ist etwa eine schwarze Schlange (HELIX, 2011), die einen ebenso schwarzen Zopf verschlingt und sich gleichzeitig in ihn zu verwandeln
scheint. Oder diese eklige fleischfarbene Silikonkrabbe ohne Körper (SHE WAS ONCE LIKE ME, 2012), die nur aus Beinen besteht.

Es ist ganz so, als seinen Roebs Wesen Opfer einer missglückten Verwandlung, steckengeblieben in einer vorzeitig unterbrochenen Metamorphose – sei es der klassisch griechisch anmutende Gipskopf, der zugleich weiblich und männlich ist (FEMALE, 2011) und dadurch seltsam verwachsen wirkt, oder die Frauenhand, deren Finger sich in anmutige Tentakel  (NEXT I NOTICED IT WAS SPRING, 2011) verwandelt haben.

Sämtliche Objekte, die alle im vergangenen Jahr während eines Arbeitsstipendiums in New York entstanden sind, verweisen auf kunsthistorische Vorbilder aus der Antike, dem Mittelalter oder der klassischen Moderne. Und es wirkt ein wenig so, als seien die Dinge
auf einer langen Reise durch Raum und Zeit durcheinander geraten. Häufig scheint dabei ein zentrales Element verloren gegangen zu sein, und genau da liegt die Stärke. Das sie uns genügend Raum geben, um das für uns Wesentliche selbst herauszufinden und auf die Dinge zu projizieren.